Ausgrabung: Haferwisch

Etwa 2000 m westlich der im 1./2. Jahrhundert n. Chr. bestehenden Siedlungsreihe Tiebensee-Wennemannswisch in der Dithmarscher Nordermarsch liegt die Wurt Haferwisch (Oesterwurth 1a), die die nördlichste einer sich in südlicher Richtung über Poppenwurth, Edemannswisch, Neuenwisch bis Wöhrden fortsetzenden Kette einzelner Wurten bildet, von denen Funde der ersten nachchristlichen Jahrhunderte bekannt sind. Die in nord-südlicher Richtung etwa 140 m lange und in west-östlicher Richtung etwa 110 m breite Wurt mit einer Fläche von etwa 15.400 m² weist an der höchsten Stelle eine Höhe von NN +2,20 m auf und fällt nach allen Seiten hin flach ab. Seit den 1970er Jahren durchtrennt ein landwirtschaftlicher Nebenweg die Wurt in eine kleinere südliche und eine größere nördliche Hälfte.

Grabungen

Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Agentur für Arbeit Heide und dem Verein zur Förderung von Arbeitsstätten geförderten Projektes "Kaiserzeitliche und mittelalterliche Siedlungsmuster von Norderdithmarschen im Spiegel der landschaftlichen Entwicklung" erfolgten auf zwei Siedlungen der römischen Kaiserzeit (Tiebensee und Haferwisch) sowie zwei Dorfwurten des frühen Mittelalters (Wellinghusen und Hassenbüttel) archäologische Untersuchungen unter Leitung von Dr. Dirk Meier.

Nach der Auswertung der päläobotanischen Proben prägten hohe Werte von Salzbinse (Juncetum geradi) und anderen salzliebenden Pflanzen die niedrige Marsch von Haferwisch, die nicht einmal von sommerlichen Sturmfluten verschont geblieben sein kann. Der Anbau von Vierzeil-Spelzgerste (Hordeum vulgare vulgare) und Leinen (Linum usitatissimum) dürfte aber zeitweise noch möglich gewesen sein, wie deren Reste aus einem mit Mist verfüllten Graben (Schnitt 3, Befund 304) an der Basis der kaiserzeitlichen Wurt andeuten. Aus den gleichen kaiserzeitlichen Schichtzusammenhängen stammen Nachweise der Rispenhirse (Panicum miliaceum) und Roggen (Secale cereale), die jedoch nicht zeittypisch sind und vermutlich als Import von der Geest nach Haferwisch gelangten.

Die in den Jahren 1992/1993 durchgeführten, archäologischen Untersuchungen in Haferwisch belegten, dass in der heute mit NN +0,50 m nur niedrig aufgewachsenen Seemarsch der Nordermarsch ab der Mitte des 2. Jahrhunderts niedrige, etwa 1 m hohe, aus Kleisoden aufgepackte Kernwurten entstanden. Deren Gründung steht vermutlich mit der Aufgabe der älteren Siedlungen weiter östlich in einem Zusammenhang. Die Siedler folgten der sich nach Westen ausdehnenden Marsch mit ihren Salzwiesen. Die nur niedrig aufgelandete Seemarsch erforderte hier von Anfang an den Bau von Wurten aus aufgeschichteten Kleisoden.

Am Rande einer der ersten Hofwurten wurden Pfosten gefunden, die mit Hilfe der Dendrochronologie um oder nach 140 und um 168 n. Chr. datiert werden konnten. Am Rande einer Wurt befand sich eine Hundebestattung bzw. -deponierung. Eine der drei nachgewiesenen und schon bald nach ihrer Errichtung erweiterten Kernwurten überdeckte die mit Gräben eingefasste Ackerflur der Siedlung. Im Laufe des 3. Jahrhunderts entstand eine größere Wurt, indem der Raum zwischen den Kernwurten verfüllt wurde. Zugleich erfolgten im Norden der heutigen Wurt zur Vergrößerung der Siedlungsfläche umfassende Kleiaufträge. Die jüngsten Siedlungsschichten waren durch den Pflug zerstört, so dass sich das Höhennivau nicht genau ermitteln lässt, in den jüngsten Phasen aber wohl kaum höher als NN +2,50 m gelegen haben dürfte. In dem nördlichen Randbereich zeichneten sich die verschiedenen Aufträge besser ab als im Kern, wo die Siedlungsschichten weit dichter übereinander lagen. Der sichere Nachweis von Häusern gelang zwar in den archäologischen Schnitten nicht, doch dürften sie durchaus vorhanden gewesen sein.

Die Wirtschaft der Marschensiedlung war auf Viehhaltung ausgerichtet, wobei der Trinkwasserversorgung aufwendig errichtete Brunnen und Zisternen verschiedener Konstruktion dienten, die in den Nordseemarschen bislang kaum Entsprechungen gefunden haben. Besonders bemerkenswert ist die Anlage einer großen, von den oberen Wurtschichten in den Untergrund eingetieften Zisterne mit einem mit Soden ausgekleideten Trichter und einem Flechtwerkbrunnen sowie einem Wasserableitungsgraben.

Am Ende des 4. oder zu Beginn des 5. Jahrhunderts wird die Siedlung verlassen, eine Wiederinbesitznahme der Wurt erfolgt erst im hohen Mittelalter.

Archäologische Funde

Güter des täglichen Gebrauchs wurden im Hauswerk hergestellt. Die Masse des Fundmaterials besteht aus der groben, in der Regel unverzierten Gebrauchskeramik meist in Form verschiedener Töpfe mit reduzierendem, oxidierendem oder uneinheitlichem Brand. Als Gefäßformen kommen weitmündige Töpfe mit mehr oder minder bauchiger oder konischer Wandung und hohe, engmündige Töpfe mit nach außen weisenden Rändern oder meist steilwandigen Randformen und schwach bauchiger bis stark bauchiger oder konischer Wandung vor. Die beobachtete Abfolge der groben Gebrauchskeramik und der besseren Feinware findet sich auch auf anderen Marschensiedlungen des Küstengebietes zwischen Eider und Weser, das vom 1. bis zum 3. Jahrhundert n.Chr. einen einheitlichen Formenkreis bildet. Zu den weiteren Funden gehören ein Dreilagenkamm, eine Ahle mit Eisendorn, ein Angelhaken für den Fischfang, ein Dexel sowie u.a. Spinnwirtel und Webgewichte.

Literatur:

Dirk Meier, Landschaftsentwicklung und Siedlungsgeschichte des Eiderstedter und Dithmarscher Küstengebietes als Teilregionen des Nordseeküstenraumes. Teil 1: Die Siedlungen; Teil 2: Der Siedlungsraum. Untersuchungen AG Küstenarchäologie des FTZ-Westküste = Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 79 (Bonn 2001), Habelt.

Dirk Meier, Die Nordseeküste. Geschichte einer Landschaft (²Heide 2007), Boyens.