Ausgrabung: Hassenbüttel

Zwischen den beiden frühmittelalterlichen Dorfwurten Wellinghusen und Wesselburen befindet sich etwa in der Mitte die Dorfwurt Hassenbüttel. Westlich und südlich der im Durchmesser 250 m großen kreisrunden Dorfwurt, die mit einer maximalen Höhe von NN +4,80 bis +5,00 m etwa 3,80 m über der umliegenden Marsch aufragt, führen je ein Sielzug vorbei, die sich südwestlich am Rande der Wurt vereinigen. Ursprünglich lag die Wurt an einem Priel, über den eine verkehrsmäßige Anbindung an die Nordsee sowie wohl zu den benachbarten Dorfwurten Westerbüttel und Wellinghusen bestand, wobei der ehemalige Seedeich des 12. Jahrhunderts mit der Langwurt Reinsbüttel etwa 2.500 m weiter westlich liegt. Zwischen den beiden Wegen erfolgte im Zentrum der Dorfwurt die Anlage eines 40 m langen, 12 m breiten und bis 4 m tiefen Grabungsschnittes.

Neubesiedlung der Dithmarscher Seemarschen im frühen Mittelalter

Nach einer Zeit vermutlich weitgehender oder sogar gänzlicher Siedlungsleere, die im nördlichen Dithmarscher Küstengebiet einen Zeitraum von spätestens dem Ende des 4. oder dem Beginn des 5. Jahrhunderts bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts umfasste, erschloss im frühen Mittelalter eine neue Landnahme die Seemarschen. Träger dieser nachvölkerwanderungszeitlichen Landnahme war der sächsische Teilstamm der Dithmarscher im Unterschied zu den friesischen Stammesgruppen, die vor allem nördlich der Eider im Laufe des 8. Jahrhunderts einwanderten, deren Landnahme sich aber weitgehend der historischen Überlieferung entzieht. In der Dithmarscher Nordermarsch waren westlich des vom 1. bis 4. Jahrhundert besiedelten Altsiedellandes teilweise jüngere Seemarschen aufgelandet. Begünstigt wurde die einsetzende Landnahme durch einen niedrigen Meeres- und Sturmflutspiegel, der auf höheren Prieluferrücken die Anlage von Hofplätzen erlaubte. Steigende Sturmflutspiegelstände zwangen deren Bewohner schon bald zur Erhöhung ihrer Wohnplätze, so dass Hofwurten entstanden, aus deren Zusammenschluss und weiterer Erhöhung sich Dorfwurten bildeten, die zu den größten und höchsten der schleswig-holsteinischen Nordseeküste gehören.

Grabungen

Auf der Dorfwurt Hassenbüttel wurden etwa 1875 Tontöpfe gefunden. So berichtete 1882 Kruse als Antwort auf das Gerücht einer alten Kirche in Hassenbüttel: "Ein Kirchhof ist hier jedenfalls früher einmal gewesen! Als ich nämlich vor ungefähr 7 Jahren beim Umbau meines alten Backhauses einen tiefen Graben zudämmen wollte, stieß ich nach Wegräumung der oberen Erde von etwa einem Fuß Höhe mit der Pflugschar auf irdene Töpfe, ich untersuchte die Sache genauer und fand etwa einige 30 Töpfe in gleichmäßiger Höhe aneinander gesetzt. In denselben fand sich nur Erde und in jedem Topf eine irdene Platte, die offenbar als Deckel gedient hatte." Auf Veranlassung von Claus Peters fuhren am 13. Juli 1882 mehrere Mitglieder des Museums für Dithmarscher Geschichte nach Hassenbüttel, um dort auf dem Grundstück des Hofbesitzers Kruse eine Ausgrabung vorzunehmen, da man nach dessen Erzählung dort ein altes Urnengräberfeld vermutete. Zwar wurden mehrere Gräben bis 5-6 Fuß Tiefe angelegt, doch bis auf einzelne hoch- und spätmittelalterliche Scherben blieb die Suche auch aufgrund der unbestimmten Angaben erfolglos. Erst 1995 erfolgten unter Leitung von Dr. Dirk Meier systematische Ausgrabungen auf der Dorfwurt, der einen 40 m langen, 12 m breiten und 4 m tiefen Grabungsschnitt anlegen ließ. Die Finanzierung der Ausgrabungen erfolgte – ebenso wie in Wellinghusen – durch Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der AG Küstenarchäologie, des Vereins für Arbeitsstätten e.V. und der Agentur für Arbeit.

Der Untergrund der auf niedriger Seemarsch errichteten frühmittelalterlichen Dorfwurt besteht bis etwa NN -10 m aus sandigen Sedimenten, darunter aus tonigen Meeresablagerungen. Die mit NN +0,80 m nur niedrig aufgelandete Seemarsch erfassten wohl vor allem während des Winterhalbjahres häufiger Sturmfluten, die etwa 0,20 m mächtige, tonige Sedimente ablagerten. Im Unterschied zu der im 7./8. Jahrhundert in Wellinghusen auf einem bis NN +1,80 m hohen Prieluferwall bestehenden Flachsiedlung waren die Bewohner in Hassenbüttel auf der niedrigeren Marschoberfläche von Anfang an zum Bau von Wurten gezwungen. Somit waren die Voraussetzungen für eine Siedlungsgründung im frühen Mittelalter ungünstiger. Die Gründung der Wurtsiedlung erfolgte im Rahmen einer Verdichtung des Siedlungsbildes im 9./10. Jahrhundert. Im Grabungsschnitt wurden neben einer kleineren Wurt des 9./10. Jahrhunderts vor allem zwei größere, bis fast NN +3 m hohe, aus Mist und Klei im 10./11. Jahrhundert aufgeworfene Hofwurten nachgewiesen. Auf der südlicheren der beiden Wurten erfassten die Ausgrabungen ein großes Wohnstallhaus mit zugehörigem Brunnen, auf der nördlichen vor allem einfache Bauten mit Sodenwänden. Vom 12. bis 14. Jahrhundert wurde die Dorfwurt dann bis zu ihrer heutigen Höhe mit Klei erhöht.

Wirtschaft und archäologische Funde

Die Wirtschaft der Siedlung beruhte vor allem auf Viehhaltung, wobei aufgrund der im Vergleich zu Wellinghusen nur niedrig aufgelandeten Seemarsch prozentual mehr Schafe als Rinder gehalten wurden. Kennzeichnend für Hassenbüttel ist die bereits überwiegende Verwendung hart gebrannter Grauware. Neben wenigen Scherben handgefertigter weicher Grauware lässt sich im Fundmaterial eine Dominanz auf der Drehscheibe gefertiger, gut gebrannter Kugeltöpfe mit profilierten Rändern feststellen. Der verwendete Ton war zumeist mit Gesteinsgrus gemagert, wobei eine feinere Magerung im Laufe der Zeit zunimmt. Da ei-förmige Töpfe auch in den ältesten Schichten der Wurt nicht auftraten, wird man deren Entstehung nicht vor dem 9. Jahrhundert ansetzen dürfen. Die hoch- und spätmittelalterliche Keramik der Wurt besteht aus Kugeltöpfen der klingend hart gebrannten Grauware. Zur Tracht der Bewohner gehören zwei runde und eine rechteckige karolingisch-ottonische Scheibenfibel. Ein nicht näher zuweisbares Einzelstück aus dem Auftrag des 10./11. Jahrhunderts der Hofwurt I stellt eine im Durchmesser 44 mm große Scheibenfibel aus Blei oder Zinn mit umlaufender, dreifacher Perlverzierung und kleiner Tierdarstellung in der Mitte dar, die man nur allgemein den karolingisch-ottonischen Scheibenfibeln mit Tiermotiv zuordnen kann. Eine Kreuzemailscheibenfibel stammt aus dem Auftrag der Hofwurt II. Im Vergleich zu den anderen Scheibenfibeln mit Kreuzdarstellung spricht einiges für eine Datierung in das späte 9. und frühe 10. Jahrhundert. Die dritte in Hassenbüttel gefundenen Fibel stellt eine kleine Rechteckfibel viereckiger Form mit eingerahmter Kreuz- oder Kleeblattdarstellung und abgesetztem Rand aus einer Kupferlegierung dar. Zum Gebrauchsgerät zählen in Hassenbüttel zahlreiche Gegenstände aus Metall, Holz, Horn oder Stein. Im Hausbereich waren auch zahlreiche Griffangelmesser im Gebrauch, darunter auch eines, dessen Schaft mit einem Lederband umwickelt war. Messer gehörten zugleich zu den wichtigsten Schreinerwerkzeugen für die Holzbearbeitung. Dem Schärfen der Messer dienten kleine, meist an den Enden durchbohrte Wetzsteine vorwiegend aus Sandstein. Besondere Beachtung verdient auch ein Dreilagenkamm aus Horn.

Literatur:

Dirk Meier, Landschaftsentwicklung und Siedlungsgeschichte des Eiderstedter und Dithmarscher Küstengebietes als Teilregionen des Nordseeküstenraumes. Teil 1: Die Siedlungen; Teil 2: Der Siedlungsraum. Untersuchungen AG Küstenarchäologie des FTZ-Westküste = Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 79 (Bonn 2001), Habelt.

Dirk Meier, Die Nordseeküste. Geschichte einer Landschaft (²Heide 2007), Boyens.