Ausgrabung: Tiebensee

Etwa 2.000 bis 3.000 m westlich des flach abfallenden Heider Geestrandes erstreckt sich in nord-südlicher Richtung von Blankenmoor im Norden bis Wennemannswisch im Süden und dann weiter bis Norderwöhrden eine Reihe kleiner Wurten, die nach Ausweis einer kleinen Grabung 1947 in Wennemannswisch von Dr. Albert Bantelmann und Sammelfunden überpflügter Siedlungsplätze bei Tiebensee teilweise in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten entstanden. Die Anlage weiterer Hofwurten erfolgte im Rahmen des mittelalterlichen Landesausbaus nach der Bedeichung seit dem 12. Jahrhundert.

Grabungen

Im Rahmen des von der Deutschen Forschungegemeinschaft, der Agentur für Arbeit Heide und dem Verein zur Förderung von Arbeitsstätten geförderten Projektes "Kaiserzeitliche und mittelalterliche Siedlungsmuster von Norderdithmarschen im Spiegel der landschaftlichen Entwicklung" erfolgten auf zwei Siedlungen der römischen Kaiserzeit (Tiebensee und Haferwisch) sowie zwei Dorfwurten des frühen Mittelalters (Wellinghusen und Hassenbüttel) archäologische Untersuchungen unter Leitung von Dr. Dirk Meier. Die 1991 untersuchte Wurt in Tiebensee liegt nahe der Diskothek.

Auf den schluffigen bis sandigen Sedimenten der alten Marsch, die unter dem Kern der heutigen Wurt eine durchschnittliche Höhe von NN +1,30 m erreicht und nach Westen um 0,30 m abfällt, entstand im frühen 1. Jahrhundert eine Flachsiedlung einzelner, vermutlich reihenförmig angelegter um 0,50 m aufgehöhter Hofplätze. Nach der Aufgabe der Wohnstallhäuser – nachgewiesen ist dies anhand des Grabungsausschnittes nur auf dem Wohnplatz I – erfolgte eine geringfügige Anhebung des Siedelniveaus, in dem die Zwischenräume der einzelnen Hofplätze mit Siedlungsschutt verfüllt wurden, wodurch eine größere Gesamtwurt entstand, die mit ca. NN +2 m fast die Höhe der heutigen Wurt erreichte, so dass die jüngeren Schichten vielfach gestört sind. Der Wohnteil des auf dem Hofplatz I nachgewiesenen Wohnstallhauses lag im Osten, der Stallteil im Westen. Der Fußboden des Hauses befand sich durchschnittlich auf einem Höhenniveau von NN +1,50. Die Gründung der Flachsiedlung fällt somit in eine Zeit eines niedrigen, im Nordseeküstenraum weitflächig nachweisbaren niedrigen Sturmflut- und Meeresspiegels. Zur jüngeren, mit Klei erhöhten Siedlung gehörte u. a. ein Flechtwandbrunnen sowie ein Kuppelbrennofen für Keramik. Zahlreiche verschlackte Keramikscherben zeigten, dass man auf in der Marschensiedlung selbst Töpfe brannte.

Möglicherweise verließen die Bewohner ihre Hofplätze am Ende des 2. Jahrhunderts, da wohl eine zunehmende Vernässung und eine bald danach einsetzende Vermoorung des Sietlandes ihre Wirtschaftsflächen einengte. Die Marschensiedlung wurde nicht – wie andere Siedlungsplätze – weiter ausgebaut. So ist die heute 70 m breite und 100 lange Wurt ist mit ca. 7.000 m² Siedlungsfläche erheblich kleiner als Dorfwurten wie Tofting im südlichen Eiderstedt oder Feddersen Wierde in der Wesermarsch, die bis in die Völkerwanderungszeit hinein bestanden.

Wirtschaft und archäologische Funde

In Tiebensee kamen fast 7.000 keramische Reste zum Vorschein. Die Masse der Siedlungskeramik der Keramik gehört in das 1./2. Jahrhundert n. Chr. und besteht aus grob gearbeiteten Gefäßen sowie einer feinpolierten Tonware. Die grobe Gebrauchskeramik ist meist unverziert. Die Gebrauchstonware in Tiebensee besteht vor allem aus Töpfen mit verdickten, meist abgerundeten Rändern mit enger und weiter Mündung. Die weitmündigen Töpfe weisen einen bauchigen, leicht konischen oder steilwandigen Profilverlauf auf. Charakteristisch sind vor allem verdickt facettierte oder verdickte Ränder. Von dieser Gruppe unterscheiden sich die engmündigen Töpfe mit bauchigem, konischem oder steilwandigem Profilverlauf, die meist verdickte kurze Ränder aufweisen. Wie die Auswertung der Tonware ergab, bestanden die Flachsiedlungen und leicht erhöhten Wohnplätze nur für einen Zeitraum von etwa zwei Jahrhunderten und wurden am Ende des 2. Jahrhunderts verlassen. Zu den erwähnenswerten Funden gehören ferner zwei Fibeln als Gewandschließen (Rollenkappenfibeln Typ Almgren 1923, Gruppe II, Stufe B 1). Diese datieren in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr. und haben vor allem Entsprechungen im Unterelbegebiet. Ferner belegen in Tiebensee Spinnwirtel und Webgewichte eine Textilverarbeitung im Hausbereich. Die Wirtschaft beruhte auf Viehhaltung von Rindern und Schafen. Ackerbau konnte nur während der Sommermonate auf dem Uferwall betrieben werden.

Literatur:

Dirk Meier, Landschaftsentwicklung und Siedlungsgeschichte des Eiderstedter und Dithmarscher Küstengebietes als Teilregionen des Nordseeküstenraumes. Teil 1: Die Siedlungen; Teil 2: Der Siedlungsraum. Untersuchungen AG Küstenarchäologie des FTZ-Westküste = Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 79 (Bonn 2001), Habelt.

Dirk Meier, Die Nordseeküste. Geschichte einer Landschaft (²Heide 2007), Boyens.