Ausgrabung: Wellinghusen

Im Westen der Norderdithmarscher Seemarsch erstreckt sich südlich der Wurtendörfer von Wesselburen und Hassenbüttel auf einer Fläche von etwa 50.400 m² die im Durchmesser etwa 280 m lange und 180 m breite, heute wüste Dorfwurt Wellinghusen, die an ihrer höchsten Stelle mit NN +6,20 m etwa 5 m über der Marsch aufragt. Sie liegt etwa 1,5 km von dem erst im 12. Jahrhundert errichteten Seedeich entfernt. Nordwestlich der Dorfwurt befinden sich mehrere, miteinander verbundene Gehöftwurten, die erst seit dem hohen Mittelalter entstanden, wie von D. Meier 1996 durchgeführte Ausgrabungen umgaben. Heute umfassen die beiden Sielzüge Süder- und Norderkanal die wüste Dorfwurt, die westlich in den Großen Kanal münden. Der Ortsname „Wellinghusen“ wird historisch erst 1560 erwähnt. Auf der Gemarkungskarte von 1876 stehen auf der westlichen Seite der "Die Wurth" genannten Wurt noch zwei größere, in west-östlicher Richtung orientierte landwirtschaftliche Gebäude sowie ein kleiner Nebenbau. Ferner ist ersichtlich, dass die alte Landstraße noch nördlich um die Wurt herumführt.

Neubesiedlung der Dithmarscher Seemarschen im frühen Mittelalter

Nach einer Zeit vermutlich weitgehender oder sogar gänzlicher Siedlungsleere, die im nördlichen Dithmarscher Küstengebiet einen Zeitraum von spätestens dem Ende des 4. oder dem Beginn des 5. Jahrhunderts bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts umfasste, erschloss im frühen Mittelalter eine neue Landnahme die Seemarschen. Träger dieser nachvölkerwanderungszeitlichen Landnahme war der sächsische Teilstamm der Dithmarscher im Unterschied zu den friesischen Stammesgruppen, die vor allem nördlich der Eider im Laufe des 8. Jahrhunderts einwanderten, deren Landnahme sich aber weitgehend der historischen Überlieferung entzieht. In der Dithmarscher Nordermarsch waren westlich des vom 1. bis 4. Jahrhundert besiedelten Altsiedellandes teilweise jüngere Seemarschen aufgelandet. Begünstigt wurde die einsetzende Landnahme durch einen niedrigen Meeres- und Sturmflutspiegel, der auf höheren Prieluferrücken die Anlage von Hofplätzen erlaubte. Steigende Sturmflutspiegelstände zwangen deren Bewohner schon bald zur Erhöhung ihrer Wohnplätze, so dass Hofwurten entstanden, aus deren Zusammenschluss und weiterer Erhöhung sich Dorfwurten bildeten, die zu den größten und höchsten der schleswig-holsteinischen Nordseeküste gehören.

Grabungen

Die 1994 unter Leitung von Dr. Dirk Meier durchgeführten umfangreichen Ausgrabungen gehören zu den wichtigsten Untersuchungen frühmittelalterlicher Siedlungsplätze an der Nordseeküste überhaupt. Wie der 30 m lange, 12 m breite und bis 6 m tiefe Grabungsschnitt erkennen ließ, schuf ein von Prielen halbinselartig eingefasster, bis NN +1,80 m hoher Marschrücken günstige Möglichkeiten zur Anlage einer Siedlung. Wie Radiokarbondatierungen (KI-3936) ergaben, war dieser vor 1440±40 Jahren vor heute mit Schilf bewachsen, was einem kalibrierten Kalenderalter von 555-660 n. Chr. entspricht. Ein kleinerer, bis 6 m breiter, zur Flutzeit mit Wasser gefüllter Seitenarm durchzog die auf der höheren Marsch im 7./8. Jahrhundert angelegte Flachsiedlung und führte im Südwesten in einen größeren Priel, der schließlich in den breiten Wardstrom mündete, der im hohen Mittelalter als Wattenstrom die vorgelagerte Insel Büsum von dem Festland der Nordermarsch trennte. Das Mittlere Tidehochwasser lag um 700 etwa bei NN +1 m. Da die Anlage erster Hofstellen im 7./8. Jahrhundert zu ebener Erde auf einem NN +1,80 m hohen Marschrücken erfolgte, lagen sie somit maximal 0,80 m höher als das MThw.

Die Ausgrabung deckte an der Basis der Dorfwurt Teile einer frühmittelalterlichen Flachsiedlung auf, deren Hofplätze offensichtlich schon bald nach ihrer Errichtung erhöht wurden. Diese erfolgte in der Weise, dass die Siedler zunächst nur die Hofplätze erhöhten, wobei die Wohnteile der Häuser vermutlich stets höher als die Stallteile lagen. Durch die weitere Vergrößerung der Hofplätze entstand eine einheitliche Dorfwurt, die im Verlauf der weiteren Siedlungsentwicklung kontinuierlich erhöht wurde. Von den oft nur wenige Zentimeter mächtigen Siedlungsschichten (Brandschichten, Ascheschichten) und dünnen Kleisodenlagen der Begehungshorizonte heben sich mächtige Klei- und Dungmassen ab, die wenige oder gar keine Funde oder Siedlungsreste enthalten. Die zeitliche Einordnung der verschiedenen Siedlungshorizonte beruht neben den dendrochronologisch ermittelten, absoluten Altersangaben der Bauhölzer auf den nach den Schichten geborgenen und somit relativchronologisch sicher auswertbaren, archäologischen Funden. Danach entstand am Ende des 7. Jahrhunderts eine aus mehreren Wirtschaftsbetrieben bestehende Flachsiedlung, deren Hofplätze frühestens seit der Mitte des 8. Jahrhunderts zu Hofwurten aufgehöht wurden, aus deren Zusammenschluss und weiterer Aufwarftung sich eine große Dorfwurt herausbildete.

Siedlungshorizonte

An der Basis der Wurt wurden die Reste zweier gut erhaltener Wohnstallhäuser angeschnitten, von denen das eine "um oder nach 691 n.Chr." erbaut worden war. Diese Datierung ist die älteste Zeitangabe für die Neubesiedlung des schleswig-holsteinischen Küstengebietes nach der Völkerwanderungszeit. Die Wohnteile der Häuser lagen dabei wohl auf den höchsten Stellen des Uferrückens im Westen und fielen in ihrer Längsachse nach Osten ab. Zwischen diesen beiden Hofplätzen verlief der schon erwähnte Priel, den eine seit 785 bestehende oder reparierte Brücke überquerte.

Frühestens „um oder nach 764", spätestens jedoch „um 820 (+14/-4 Jahre)“ erfolgte eine Erhöhung der beiden dokumentierten Hofplätze zu größeren, NN +3 m hohen Hofwurten, auf der u. a. ein Wohnstallhaus mit kleineren Nebengebäuden, die nur in Resten erhalten waren, errichtet wurde. Der Stallteil dieses Hauses lag im Westen.

Während des 9./10. Jahrhunderts verfüllte man die Senken zwischen den einzelnen Hofwurten zunehmend mit Mist, so dass sich allmählich eine größere und höhere Dorfwurt bildete.

Etwa um 1000 n. Chr. erfolgte auf der jetzt etwa NN +4 m hohen Dorfwurt im Bereich der dokumentierten Ausgrabungsfläche die Errichtung eines Kleinbaus.

Während des hohen und späten Mitterlalters erhöhte man die Dorfwurt mit mächtigen Kleiaufträgen weiter. 

Wie auf allen Ausgrabungen der Arbeitsgruppe Küstenarchäologie üblich erfolgte die Befund- und Fundaufnahme nach den stratigraphischen Schichten. Alle Pläne wurden digitalisiert.

Wirtschaft und archäologische Funde

Die Wirtschaft der Marschensiedlung beruhte auf Viehhaltung und saisonalem Anbau von Getreide auf dem hohen Uferwall während der Sommermonate. Die Keramik der Wurtschichten der Siedlungshorizonte 1-4 umfasst vor allem einfache Töpfe der sog. Weichen Grauware und einige wenige mit Muschelgrus verzierte Scherben. Letztere sind vor allem für friesische Wurtsiedlungen typisch, wo sie – anders als in Wellinghusen – in den Siedlungsschichten des 9./10. Jahrhunderts die weiche Grauware verdrängen. Zu den weiteren Funden gehören u. a. Glasperlen, Dreilagenkämme, Spinnwirtel, Webgewichte und Knochenpfrieme. Die Siedler profitierten dabei nur im bescheidenen Maße von dem über See gehenden fränkisch-friesischen Fernhandel, der vor allem auf das Eidermündungsgebiet zielte.

Literatur:

Dirk Meier, Landschaftsentwicklung und Siedlungsgeschichte des Eiderstedter und Dithmarscher Küstengebietes als Teilregionen des Nordseeküstenraumes. Teil 1: Die Siedlungen; Teil 2: Der Siedlungsraum. Untersuchungen AG Küstenarchäologie des FTZ-Westküste = Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 79 (Bonn 2001), Habelt.

Dirk Meier, Die Nordseeküste. Geschichte einer Landschaft (²Heide 2007), Boyens.