Sturmfluten, Kulturspuren, Halligen

Seit dem späten Mittelalter traten in den nordfriesischen Uthlanden große Landverluste ein. Während der Ersten Mandränke von 1362 und Zweiten Mandränke von 1634 gingen große Teile der Uthlande zwischen Eiderstedt im Süden und Sylt im Norden auf immer verloren. Die westlichen Seemarschen im Gebiet der heutigen Hallig Hooge, die seit dem frühen Mittelalter besiedelt waren, wurden ebenso in das Wattenmeer einbezogen wie das seit dem hohen Mittelalter kultivierte, vormals vermoorte Sietland.

Diese katastrophalen Sturmfluten formten in ihren Grundzügen die heutige Küste. Die Ursachen dieser Katastrophen lagen vor allem in der Geomorphologie begründet. So verlaufen im Untergrund Nordfrieslands tiefe Schmelzwassertäler der letzten Eiszeit, die infolge des ersten nacheiszeitlichen Meeresvorstoßes in dieses Gebiet um 6500-4500 v. Chr. mit tonigen, setzungsfähigen Sedimenten verfüllt wurden.

Im späten Mittelalter brachen die großen Prielströme wie die Norderhever, Süder- und Norderaue in diese Gebiete ein, durchbrachen die zu niedrigen Deiche und zerstörten das Kulturland, das örtlich - wie im Gebiet der heutigen nördlichen Halligen und der Edomsharde - durch Salztorfabbau oder Entwässerungsmaßnahmen der ehemals vermoorten Sietlandes stellenweise unter den Stand des Mittleren Tidehochwassers geraten war. In der Edomsharde ging das später legendenhaft verklärte Rungholt unter. Ferner ging infolge des Durchbruchs der Hever durch die Lundenbergharde die Landverbindung der späteren großen Insel Strand mit Eiderstedt verloren. Die Hever drang bis Husum vor, was den Aufstieg des Ortes zu einer Hafenstadt begünstigte. 

Im Gebiet von Hallig Südfall dokumentierte seit den 1920er Jahren der Nordstrander Bauer Andreas Busch Warften, Deiche, Entwässerungsgräben und zwei Schleusen (Sielen), die er als Überreste des 1362 untergegangenen Rungholt deutete. 

Nach 1362 war vom alten Großen Strand nur eine hufeisenförmige Insel Alt-Nordstrand übrig geblieben. Diese zerbrach in der Burchardiflut von 1634 in die Inseln Nordstrand und Pellworm. Übrig blieb als Halligen auch der alte Rand der Insel. Mit Ausnahme der Hamburger Hallig gingen alle anderen kleinen Marscheilande unter. Ferner überdauerte das alte Hochmoor der Insel die Flut, auf dem später die Hallig Nordstrandischmoor aufwuchs. Tausenden Menschen und zahlreiches Vieh hatten ihr Leben verloren. Dramatisch sind die Geschichten der zeitgenössischen Chronisten.

Mit Torf verfüllte Gräben der 1634 untergegangenen Insel Alt-Nordstrand im Wattenmeer mit Blick auf Hallig Hooge. Foto: Dirk Meier

 

Weitere Landzerstörungen traten im späten Mittelalter im Gebiet der heutigen nördlichen Halligen ein, die oberhalb der alten mittelalterlichen Landoberfläche aufgewachsen sind. Spuren mittelalterlichen Salztorfabbaus sind hier im Gebiet von Hallig Habel, Oland, Gröde und Langeness nachgewiesen.

Die Kulturspuren im Wattenmeer, wie Warften, Sodenbrunnen, Deichreste, Flurformen oder Spuren des Salztorfabbaus, bilden wichtige Zeugen der vergangenen Kulturlandschaft, die durch die Gewalten der Sturmfluten wieder zur Natur wurde. In einer Arbeitsgruppe haben wir zwischen 2011 und 2013 die Kulturspuren im nordfriesischen Wattenmeer auf GIS-gestützter Basis neu erfasst und auf meine Initiative hin 2013 in einem großformatigen Küstenatlas vorgelegt, der im Boyens-Buchverlag erschienen ist. Dieser beinhaltet zugleich die Einordnung der Kulturspuren in die schleswig-holsteinische Küstengeschichte im internationalen Fokus. Einen Schwerpunkt bilden die Kulturspuren im Bereich des alten Strandes mit dem Gebiet von Rungholt. Das Vorwort hat der schleswig-holsteinische Umweltminister Dr. Robert Habeck verfasst.

Nach 1634 gehören die Weihnachtsflut von 1717, die nachfolgende Eisflut von 1718 und die Halligflut von 1825 zu den größten Naturkatastrophen der frühen Neuzeit. 1717/18 wurden nochmals weite Bereiche der Marschen überschwemmt, während es 1825 nur regional zu Schäden kam. Beide Sturmfluten waren jedoch für die Halligen katastrophal, die sich stark verkleinerten. Nachdem man um 1900 den Wert der Halligen als Bollwerke für den Schutz der Festlandsküste erkannte, sicherte man deren Kanten mit Steindossierungen, auf Hooge wurde ein niedriger Deich erbaut. Letztmalig verursachte die Sturmflut von 1962 schwere Schäden auf den Halligen, bei der auch die Fethinge versalzten. Danach erhielten die Halligen Trinkwasseranschluss vom Festland. Die Häuser bekamen Ziegeldächer und spezielle Schutzräume.

Für das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume hat Dr. Dirk Meier als Gutachten die Auswirkungen und Schäden der Weihnachtsflut von 1717 und der Halligflut von 1825 analysiert. Nach 1825 stellte man aufgrund der starken Zerstörungen die Wiederbesiedlung der Halligen in Frage.

Historische Quellen berichten nicht über die Höhe der mittelalterlichen Sturmfluten, doch kann man nach geoarchäologischen Untersuchungen annehmen, dass die Marcellusflut von 1362 vielleicht eine Höhe von NN +3 m erreichte, da in dieser Zeit viele Warften von NN +3 auf +4 m erhöht wurden. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es Pegelmarken und seit dem 19. Jahrhundert regelmäßige Pegelaufzeichnungen. Im Laufe der Zeit sind die Sturmfluten nicht mehr geworden, sie laufen aber höher auf als in früheren Jahrhunderten.

Während früher die Deiche nach dem Stand der vorherigen Flut errichtet wurden, berücksichtigt der Küstenschutz heute auch den zu erwartenden Meeresspiegelanstieg. Dieser bedroht in Zeiten einer globalen Klimaerwärmung bedroht die Flachmeerküsten unserer Erde. Daher wurden an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste die Seedeiche verstärkt (Klimaschutzdeiche), Küstenschutzmaßnahmen für die Halligen getroffen und die Sandvorspülungen auf Sylt intensiviert. 

 

Informationen zur Klimaerwärmung und zum Meeresspiegelanstieg

www.ipcc.ch  

https://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/LKN/lkn_node.html

Literatur: